שנת לימודים בישראל Ein theologisches Studienjahr an der Hebräischen Universität Jerusalem

Rolf Rendtorff zum Gedenken

Ein Nachruf von Martin Stöhr

Gerhard von Rad, der große Heidelberger Alttestamentler, stellte seiner Frau einst seine wissenschaftlichen Hoffnungen Klaus Koch und Rolf Rendtorff mit 1Sam 16 vor: „Das sind die Knaben, die mir der Herr gegeben hat.“ Der eine, Rolf Rendtorff, geb. am 10. Mai 1926, wuchs in einem konservativ geprägten Pfarrhaus auf. Der Vater, Praktischer Theologe und – bis zur Absetzung durch die Nationalsozialisten – Bischof in Schwerin, eröffnete dem 1945 heimkehrenden Marineleutnant die Theologie.

Nach dem Studium in Kiel, Bethel, Göttingen und Heidelberg promovierte er 1950 bei von Rad (Die Gesetze der Priesterschrift). Die Habilitation (Studien zur Geschichte des Opfers im AT) folgte 1953 bei W. Zimmerli in Göttingen. Nach der ersten Professur (1958) an der Kirchlichen Hochschule Berlin (einer illegalen Gründung der Bekennenden Kirche 1935) dann 1963 die Berufung nach Heidelberg.

Seine Mitarbeit an einer neuen Grundordnung führte 1970 zur Wahl als Rektor. Zeitgenossen überschreiben die Jahre bis zu seinem Rücktritt 1973 respektvoll mit „Ruhmreiches Scheitern“. Es ehrt den Liberalen und Wissenschaftler Rendtorff, dass er sich damals den Herausforderungen einer Hochschulreform ebenso engagiert wie dialogbereit stellte. Konservative und linkschaotische Gruppen bewirkten seinen Rücktritt. Nach einem Zwischenspiel als Bundestagskandidat der SPD widmete er sich wieder mit allen Kräften der Theologie. 

Rolf Rendtorff lernte ich auf einer Israelreise kennen. Die Düsseldorfer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit lud 1965 zu einem ersten Kolloquium mit deutschen und israelischen Wissenschaftlern ein. Noch konnte an der Hebräischen Universität kein öffentlich-deutschsprachiges Seminar stattfinden. (Für Friedrich Dürrenmatts Vortrag ein Jahr zuvor gab es eine Ausnahme.) Rendtorff war anfangs skeptisch gegen die Eröffnungsthese des Religionswissenschaftlers Zwi Werblowski, das Christentum müsse sich für sein Selbstverständnis – anders als das Judentum – notwendigerweise mit dem eigenständigen Judentum als mit seiner Herkunft befassen.  

Die damit angedeutete asymmetrische Beziehung Judentum – Christentum verlangt von den Christen zunächst, das gegenwärtige und geschichtliche Judentum in seiner religiösen, kulturellen und politischen Vielfalt über die Schoa hinaus wahrzunehmen: in seiner Verankerung in der schriftlichen wie mündlichen Tradition, in der Diaspora und im Staat Israel in Nahost. Zuerst aber geht es aber um eine aufklärende Überwindung pejorativer Klischees in der christlichen Theologie. Rendtorff kommentiert in Hat denn Gott sein Volk verstoßen? (1988) z.B. evangelische Erklärungen zum Judentum nach 1945.

Sein Forschungsschwerpunkt lässt die eigene Stimme des Alten Testaments (und seiner Wirkungsgeschichte) laut werden. Es ist bleibend mehr als ein Vorläufer des Neuen Testamentes. Einige Titel: Das Werden des AT (1960) und die mehrfach aufgelegte Einführung ins AT (1983). In seiner zweibändigen Theologie des AT (1999/2001) erschließt er durch die Berücksichtigung der kanonischen Gestaltung der biblischen Bücher der historisch-kritischen und theologischen Erforschung des AT neue Dimensionen.

Immer ist das lebendige Judentum sein Gesprächspartner: Israel und sein Land (1967); mit H.H. Henrix und W. Kraus legt er (1988/2001) 2 Bände mit allen Erklärungen von 1945–2000 zu Die Kirchen und das Judentum vor. Der wissenschaftlich weit über die Grenzen anerkannte Alttestamentler (Gastvorlesungen u.a. in Israel, Italien, Südafrika, USA; mit Edna Brocke und J.B. Metz 2001 durch die Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt) hinterlässt ein reiches intellektuelle und praktisches Erbe. 

Als Ludwig Erhard sich der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel versperrte, engagierte er sich in den von Studierenden der Berliner Hochschulen schon 1956 gegründeten „Deutsch-Israelischen Studiengruppen“, später wurde er Vizepräsident der „Deutsch-Israelischen Gesellschaft“. Neben ihrer allzu braven Politik baute er mit R. Bern-stein den „Deutsch-Israelischen AK für Frieden im Nahen Osten“ (DIAK) auf, dessen Ehrenvorsitzender er bis zu sei-nem Tod blieb. Und seit 1978 ermöglichte „Studium in Israel“ mehreren hundert Studierenden ein Studienjahr an der Heb-räischen Universität. Es war von Anfang an auch Rolf Rendtorffs Projekt. 1965 legte die EKD ihre erste Denkschrift zum Verhältnis „Christen und Juden“ vor. Dass sie zustande kam, verdankt sie, wie der mehrfach aufgelegte Kommentar Arbeits-buch Christen und Juden, dem langjährigen Vorsitzenden Rendtorff.  

Der Titel der von E. Blum, Ch. Macholz und E.W. Stegemann herausgegebenen Festschrift Die Hebräische Bibel und ihre zweifache Nachgeschichte (1990) begründet wie mit einem Chor (über seinen Tod am 1. April 2014 hinaus) den bleibenden Dank an einen tatkräftigen Lehrer.