שנת לימודים בישראל Ein theologisches Studienjahr an der Hebräischen Universität Jerusalem

In Memoriam Andreas Wagner

* 25. Februar 1965   † 18. April 2018

Andreas WagnerDen Verein erreichte Ende April die erschütternde Nachricht, dass der ehemalige Studienleiter Andreas Wagner am Mittwoch, den 18. April 2018 seinem Leben ein Ende gesetzt hat.
Andreas Wagner, 1965 geboren, war 1990/91 mit dem 13. Jahrgang von „Studium in Israel“ in Jerusalem. Als Michael Krupp in den Ruhestand ging, übernahm er von 2003 bis 2007 als Pfarrer zur Anstellung die Leitung des Studienprogramms. Ab 2006 wuchs der Studienleitung im Rahmen der Theologischen Fortbildung als weitere Aufgabe die Konzeption von Seminarwochen zu.

Sandra und Johannes Herold, Studierende des 26. Jahrgangs, und Prof. Dr. Hermann Lichtenberger erinnern an ihn:

Mit großer Bestürzung haben wir von Andreas Wagners Tod erfahren. Gemeinsam mit ihm und seiner Familie haben wir im 26. Jahrgang im Jahr 2003 die Reise nach Jerusalem angetreten und uns vorher schon bei Vorbereitungsseminaren in Deutschland kennen gelernt.
Es war die Zeit einer Durststrecke und großer Umbrüche für Studium in Israel. Angesichts der zweiten Intifada brach der 24. Jahrgang das Studienjahr ab. Der 25. Jahrgang fiel aus – eigentlich der letzte Durchgang unter dem Studienleiter Michael Krupp. Und so kam Andreas mit uns ins Land und musste vieles neu erarbeiten. Michael stand glücklicherweise weiter für Fragen zur Verfügung. Dennoch war es kein nahtloser Übergang, sondern in vielerlei Hinsicht ein Neubeginn. Für ihn privat war der Umzug samt Familie gleichzeitig zum Einarbeiten in die neue Tätigkeit zu meistern, daneben waren wir Studierende mit unseren Erwartungen an das Studienjahr und unseren Studienleiter und irgendwo dazwischen Andreas selber mit seinen Hoffnungen und Erwartungen.
Dass das Studienjahr trotzdem ein voller Erfolg für uns wurde, daran hatte Andreas großen Anteil. Er hat es vollbracht, Studium in Israel so mit dem Archäologischen Institut zu vernetzen, dass wir in Hans-Wulf Bloedhorn im Grunde einen zweiten Studienleiter und -begleiter gewannen, der unser Studienjahr sehr bereichert hat. Auch hat Andreas Wagner wichtige Kontakte zu verschiedenen Persönlichkeiten der israelischen Gesellschaft geknüpft, die uns ein breites und differenziertes Bild des Landes im Allgemeinen und des politischen Konflikts im Besonderen gegeben haben. Immer wieder wurde das Lernen über die antike Architektur gewürzt mit praktischen Umsetzungen der Säulenarchitektur und der Positionierung von Bettlern in den Stadttoren.
Das Foto zeigt eine für Andreas typische Eigenschaft: Er ist selber Teil dessen gewesen, was er gelehrt und uns gezeigt hat. Dass er den Part des Bettlers übernahm, ist keineswegs Zufall, sondern zeigt auf wunderbare Weise, seine Bescheidenheit und sein Selbstverständnis.

Am interessantesten war für uns vielleicht der Einblick in das Leben einer christlich-jüdischen Familie, die immer neu um die Rolle der Religionen und der religiösen Traditionen ringen muss. Wie Christentum und Judentum in einer Familie zusammen existieren können, welche Fragen sich daraus für die Erziehung der Kinder ergeben, und wie man beide Religionen respektieren und leben kann – in diese Themenkomplexe haben wir dank Andreas und Rachel Einblick bekommen. Bei mancher Einladung zum Abendessen durften wir erleben, wie man Kashrut- Vorschriften (nicht) einhalten kann, und manches trotzdem wichtig findet. Einige – nicht nur kulinarische – Rezepte der Familie Wagner sind uns bis heute geblieben.

Johannes und Sandra Herold


Ansprache im Rahmen der Trauerfeier für Andreas Wagner am 27.4. 2018

von Prof. Dr. Hermann Lichtenberger, Tübingen

Liebe Familie Wagner, verehrte Trauergemeinde!

Mit Bestürzung und Trauer nehmen wir Abschied von Andreas Wagner, dem Ehemann, Vater, Sohn, Freund, Pfarrer, Gelehrten. Ich spreche hier für seine Heimatfakultät Tübingen, aber wenn man ihn nach seiner wahren Alma mater gefragt hätte, hätte er Jerusalem genannt. Im Namen des Dekans und der Fakultät, die hier mit mehreren Personen vertreten ist und für die ich spreche, drücke ich Ihnen, den lieben Angehörigen, unsere tiefe Anteilnahme aus.

Andreas Wagner war unser Student und mein Doktorand. Ich lernte ihn in meinem ersten Tübinger Jahr 1993 im Seminar über frührabbinische Wundertäter kennen. Er kannte längst die Texte und konnte mich korrigieren. Ich nahm das gerne an, denn er war sehr genau und philologisch äußerst präzise. Es schien, als gehörte er einer früheren Studentengeneration an. Im Hebräischen zeichnete er sich, auch durch sein Studium in Israel, in besonderer Weise aus. Dazu hatte er eine für Theologen seltene Zusatzqualifikation, er hatte slawische Sprachen studiert und kannte das Altkirchenslavische, in das eine jüdische Apokalypse des 1. christlichen Jahrhunderts übersetzt worden war. Die Doppelqualifikation in Judaistik und Slawistik machte Andreas Wagner zu einem idealen Bearbeiter dieser schwer zugänglichen und vernachlässigten, Henoch zugeschriebenen Schrift. Im Jahr 2000 reichte er bei der Fakultät eine 420 Seiten umfassende Doktorarbeit mit dem Titel „Zwischen Engeln und Menschen. Die Rolle Henochs im slavischen Henochbuch“ ein. Zur Voraussetzung für die Annahme machte die Fakultät die Bedingung, dass ein Einleitungskapitel zur Forschungsgeschichte nachgereicht würde, bevor die mündliche Prüfung das Verfahren zum Abschluss bringen konnte. Es wäre eine Sache von wenigen Wochen gewesen, aber er hat dieses Kapitel nie vorgelegt. Vor Ostern schrieb er mir, er wolle zur Vorbereitung dieses Kapitels und zu dessen Vortrag im Kolloquium am 24. April 2018 in der Woche nach Ostern nach Tübingen kommen, um diesen Text zu erarbeiten. Ich lud ihn in unser Haus ein  – wir waren verreist – und er schrieb mir am Ende seines Aufenthalts am 8. April: „Es ist alles sehr gut, danke für diese wunderbare Gelegenheit! Habe viel geschrieben, für mich selbst und an der Einleitung zur Diss. Bis zum 24.4. bekommt das hoffentlich dann eine Form, die passt ...“. Er hat den Vortrag nicht mehr gehalten. Vor der Abreise aus unserem Haus hinterließ er eine Orchidee und seine Handynummer. Aber ich rief ihn nicht an und bedankte mich nicht, weil ich ihn ja in Kürze sehen würde.

Andreas Wagner war Theologe und Pfarrer. Er widmete sich allen Bereichen kirchlichen Lebens, vor allem auch der Erwachsenenbildung. Aber er war auf vielen Gebieten kompetent und beschlagen, die er nur zögerlich preisgab. In einem seiner Hauptanliegen aber war er strikt und ein Vorreiter: Im Bemühen um Verstehen und gemeinsames Leben von Juden und Christen nach der Shoa. Seit seinem Studium in Jerusalem und dann als langjähriger Studienleiter von „Studium in Israel“ hat er sich diesem Thema mit Hingabe und Kompetenz gewidmet. Wir waren zusammen in Israel in allen Phasen der 2. Intifada. Wir wussten, warum wir da waren, und darum fürchteten wir uns nicht. Er ist darin auch konsequent gewesen in der Ehe des evangelischen Pfarrers mit einer Jüdin, und die Jüdin ebenso konsequent in der Ehe mit einem evangelischen Pfarrer. Ihr Kinder habt einen Vater verloren, der Euch auch in der Ferne immer nahe war, und Ihr ihm. Ihr ward ihm nahe auch in den vielen Merkzeichen in seiner Wohnung, die er mir zeigte, und er war Euch immer nahe mit seinem liebevollen Herz. Der muslimische Flüchtling, der mit uns wohnt und sich mit Eurem Vater anfreundete, berichtete von den herzlichen Gesprächen Eures Vaters mit Euch über Skype. Mit Euch und Eurer Zukunft hat er sich unlösbar an das Schicksal Israels gebunden, für das auch wir immer Verantwortung tragen werden.

In seiner zurückhaltenden Art haben ihn viele unterschätzt. Aber er war tief und reflektiert. Je mehr wir an seine theologische Leidenschaft erinnern, umso weniger können wir seine Entscheidung verstehen. Uns wird aber bewusst, wie nahe wir alle vor dem Abgrund stehen. Andreas Wagner stürzte sich in diesen Abgrund, aber vielleicht erwartet ihn am Ende ein ganz Anderes, und ich zitiere aus der Schrift, die ihn mehr als zwanzig Jahre begleitete: „Und im zehnten Himmel sah ich (Henoch) eine Erscheinung des Herrn. Ich sah den Herrn von Angesicht zu Angesicht. Und sein Angesicht ist mächtig und überaus herrlich, wunderbar (…). Wer bin ich, um das unfaßbare Sein des Herrn zu erzählen (…). Das Bild seiner Schönheit ist unwandelbar und unaussagbar (…). Und ich fiel nieder und betete den Herrn an. Und der Herr sprach zu mir (…): Sei guten Mutes, Henoch, fürchte dich nicht! Stehe auf und stehe vor meinem Angesicht in Ewigkeit“ (slavHen 22, 1-5).

„Sei guten Mutes, Andreas, fürchte dich nicht.“                

Nun schaut auch er von Angesicht zu Angesicht.